Edward von Roy Lewis
Flinn 26. February 2012
Edward – Roman aus dem Pleistozän
Roy Lewis
Unionsverlag (Taschenbuch 107, Auflage 1998)
Ursprünglich 8,95 €
ISBN: 9-783293-201071
Im Erdzeitalter des Pleistozän wurden aus Affen Menschen. Dies ist ihre Geschichte.
Ernests Vater, Hordenchef Edward, ist ein Unruhestifter und hat ein paar seltsame Ideen. Ein Feuer für jeden Haushalt, bessere Waffen und Exogamie (Paarung/Heirat außerhalb der eigenen Familie) sind nur einige davon.
Die Horde lebt in einer unbequem kleinen und feuchten Höhle. Jeder Tag ist ein Kampf gegen den Hunger, jede Nacht ein Kampf gegen Raubtiere. Oft genug verliert die Sippe bei Angriffen nicht nur Blut sondern auch ihre Jüngsten.
Da kommt Edward ein Gedanke: Er holt Feuer von einem Vulkan. Zeit umzuziehen! Jetzt können sie Bären aus einer besseren Höhle verjagen und vor dem Eingang einen schützenden Feuerwall anlegen. Das Leben wird ruhiger. Man hat Zeit zum Nachdenken.
Ernest, gesehen vom Teenageralter bis zum Mann, mausert sich vom Beobachter der Entwicklung zum Philosophen der Sippe. Seine Brüder sind Oswald (der Jäger), Alexander (der Künstler), Wilbur (der Erfinder) und William, der Kleine (davon besessen Wildtiere in der heimischen Höhle großzuziehen), jeder spielt seine Rolle in der Evolution. Die Mutter erfindet durch einen Unfall das Kochen und Ernest, wegen Edwards Exogamie-Rappel, die Liebe – und die dazugehörigen Komplexe.
Aber was wenn der idealistische Edward die angenehmen – und nicht zuletzt in den falschen Händen gefährlichen – Errungenschaften allen anderen Horden einfach zur Verfügung stellen will?
Roy Lewis wurde 1913 geboren und wuchs in Birmingham, England auf. Er studierte in Oxford und an der London School of Economics, arbeitete als Auslandskorrespondent für The Times und The Economist in den Vereinigten Staaten.
Der Großteil seiner Arbeiten war journalistischer und wirtschaftswissenschaftlicher Natur. Nur vereinzelt schrieb er fiktive Geschichten und eine davon, unzweifelhaft die bekannteste, war 'Edward'.
Der Originaltitel ist deutlich aussagekräftiger: 'What we did to father' ('Was wir Vater antaten') war der ursprüngliche Titel von 1960. Mit späteren Auflagen und einer weiteren Verbreitung variierten die Titel, wobei der bekannteste 'The Evolution Man', später mit dem Zusatz: 'or how I ate my father' ('oder wie ich meinen Vater aß') war.
'Edward' ist mehr als eine geistreiche Abhandlung über die Morgendämmerung der Menschheit. Hier gibt es keine Dialoge nach dem Tarzan-Prinzip. Zuerst werden die eloquenten Argumentationen über Evolution und Fortschritt hauptsächlich von Edward und seinem Bruder Wanja, der auf den Bäumen geblieben ist, geführt. Später, mit den Überlegungen zu Verwendung und Verbreitung der Errungenschaften, finden die Auseinandersetzungen zunehmend innerhalb der eigenen Horde statt.
Solche zivilisierten Diskussionen wechseln sich ab mit Überlegungen, wie man dem „Mädchen von Nebenan“ am güstigsten die Keule über den Schädel zieht und sie zur eigenen Familie schleppt. Aus eben dieser Mischung, zusammen mit dem stoischen Pragmatismus der Charaktere, ergibt sich der wundervolle Humor der Erzählung.
Als unschön empfinde ich aber die Übersetzung. Während kurze Aussagen wie „Back to the trees“ zu verkraften sind, wird das ständige „well“ doch irgendwann nervig, vor allem ohne erkennbaren Grund für die englische Verwendung.
Insgesamt ist es ein absolut lesenswerter Roman. Der Geschichte ist leicht zu folgen, die Personen sind durchweg sympathische Archetypen und die beschriebene Problematik und aufgeworfenen Fragen zeitlos.




