Giovannis Zimmer von James Baldwin

22. January 2012

 

Giovannis Zimmer (ungekürzte Ausgabe vom Dezember 1967)

James Baldwin

rororo – Verlag

Preise gebraucht zw. 0,25 und 10,00 Euro

ISBN: 380-ISBN 3-499-10999-9

 

 

 

 

 

 

 

 

 

David ist ein Amerikaner in Paris. Dort wartet er auf seine Verlobte und ihre Antwort auf seinen Heiratsantrag. Und dort trifft er auch auf Giovanni, einen Italiener, den neuen Bartender seiner Stammbar, einen offenen, leidenschaftlichen Mann.

Der Leser durchlebt mit David die Tage in Paris mit Freunden, Bekannten und Geliebtem.

 

Das schon der Klappentext das Ende verrät, ist keine unglückliche Nachlässigkeit, denn auch die Geschichte beginnt erst nach ihrem „Ende“ und entfaltet sich als Rückblende. So schwebt über den Gegenwartsszenen das Fallbeil der Guillotine von Giovannis unvermeidlicher Hinrichtung. Sie ist eines der wenigen Dinge, die an den zeitlichen Rahmen erinnern, der sonst durch knapp gehaltene Beschreibungen und das Fokusieren auf Stimmungen und Menschen über Orte und Alltagsgeschehen zeitlos erscheint.

Es ist ein Einfluss von außen, der David aus seinem Alltagstrott in den Staaten nach Paris bringt. Anders als im Klappentext erfasst, ist es Hella, die sich nach einem überstürzten Heiratsantrag Bedenkzeit erbittet. Diese Wartezeit und Hellas Entscheidung allein nach Spanien zu reisen, bringen Dadiv im Gegenzug nach Frankreich, wo die Ereignisse ihren Lauf nehmen.

 

James Baldwin ist einer der einflussreichsten schwarzen Autoren der Vereinigten Staaten. Er wurde 1924 geboren, erlebte den Großteil seiner Kindheit in Harlem, New York, als Stiefsohn eines Predigers. 1948, verliess er desillusioniert die Staaten, getrieben von Vorurteilen gegen Schwarze und Homosexuelle, mit denen er immer wieder konfrontiert wurde.

Dort schrieb mit 'Giovannis Zimmer' 1956 seinen zweiten Roman, nach 'Go tell it to the Mountain' (nicht auf deutsch erschienen) und einigen früheren teil-biographischen Essays.

Sein Talent bestand darin, Figuren verschiedener Geschlechter, Hautfarben und sozialer Hintergründe oder sexueller Vorlieben glaubwürdig zu charakterisieren, was ganz besonders in seinem 1962 erschienen Roman 'Ein anderes Land' durch eine bunt gemischte Besetzung zur Geltung kommt. Durch nachvollziehbare Beweggründe und Reaktionen kommt niemand zu gut oder zu schlecht weg.

 

Davids Geschichte in der Nusschale, ist eine vom vertrauten Käfig gegen die bedrohlich fremde Freiheit: Die Zuneigung zu Hella, die ihm einen einfachen Weg in ein „normales“ Leben eröffnet, gegen Giovanni, der den emotional verschlossenen David mit seiner offenen, kompromisslosen Liebe überfordert. Es ist eine tragische, bedrückende Geschichte, durchbrochen von Momenten bedenkenlosen Vergnügens. Sie beschreibt einen inneren Zwiespalt in einem nach außen verhärteten Mann, der auf die Menschen um sich herabsieht, weil er in ihnen die Eigenschaften erkennt, die er an sich selbst verabscheut und vor denen er sich fürchtet.

 

In 'Giovannis Zimmer' findet sich in David der Kontrast zwischen Konvention und Begehren. Baldwins Charaktere sind nicht unbedingt liebenswert. Vor allem seine Protagonisten sind getrieben von Egoismus und Angst und beherrscht von Impulsen, die sie weder einordnen noch kontrollieren können. Gerade diese offenkundigen und fatalen Fehler und Schwächen machen sie so herausragend menschlich. Ich habe selten Bücher gelesen, in denen ich die Figuren so wenig mochte und doch so gut mit ihnen fühlen konnte.

2 Kommentare zu “Giovannis Zimmer von James Baldwin”

  1. celi-Sun says:

    Giovannis Zimmer – das erste Buch das ich von Baldwin gelesen hab – mit vierzehn. Es ist mir immer noch eindringlich (und beklemmend !) im Gedächnis geblieben.
    Übrigens nur so am rand. Davids Art, auf die Menschen, vor allem die – die ihn mögen, bzw gut zu ihm sind – herabzusehen, bzw. herrablassend zu betrachten hat mich am meisten abgestossen. Ist ja eher ungewöhnlich, dass man die Hauptfigur bzw. den Erzähler unsympathisch findet, aber trotzdem lieb ich das buch – auch wenns wehtut.
    Ich will damit sagen – toll das du das in deiner Kritik miterfasst hast.
    Danke.
    celi

  2. Flinn says:

    Vielen Dank für Deinen Kommetar.

    Und ja, Du hast recht, es sind vor allem die Menschen, die ihn mögen und gut zu ihm sind, die er verachtet und schlecht behandelt, von denen er sich vehemment distanziert. Daran macht sich eine tiefe Angst vor Nähe und vor sich selbst besonders deutlich.

    Also auch danke für die gerechtfertigte Ergänzung ^.^

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